Der pompöseste Staatsbesuch aller Zeiten – als Stummfilm

Das chinesische Fernsehen berichtete ausführlich über den Staatsbesuch von Präsident Xi Jinping (习近平) beim Obersten Führer (최고 지도자) Nordkoreas, Kim Jong Un (김정은). Die Inszenierung ist eine Augenweide: klatschende Männer, hüpfende Kinder, jubelnde Frauen, Ballone und Blumen, alles in den schönsten Pastellfarben. Eine Viertelmillion Nordkoreaner soll dem chinesischen Präsidenten auf der Fahrt mit dem Mercedes, den es nicht geben sollte (UNO-Sanktionen), auf dem Weg in die Stadt zugejubelt haben. Zweifellos ist es der pompöseste Staatsbesuch aller Zeiten.

Präsident Xi Jinping absolvierte das volle Programm: Nach dem glanzvollen Empfang am Flughafen folgten ein opulentes Bankett, eine Kranzniederlegung, ein Museumsbesuch, ein Spaziergang im Park, eine grandiose Musikaufführung und zum Ende eine hoheitsvolle Verabschiedung. Und zwischendurch hielten die beiden Staatsführer auch Reden und setzten sich an einen Tisch.

Bemerkenswert ist, dass man nicht weiss, worüber die beiden Männer diskutiert haben. Man sieht sie zwar miteinander sprechen und Reden halten, doch was sie wirklich sagen, erfährt man nicht, es sei denn man nimmt die Erläuterungen des Fernsehsprechers, der wiedergibt, was gesagt worden sein soll, für bare Münze. Die Hauptakteure sind stummgeschaltet. Aber Bilder sprechen Tausend Worte.

Grandioser Empfang am Flughafen

CCTV 4 widmet in den Nachrichten allein dem Empfang Xi Jinping’s am Flughafen Pyeongyang und dem Autokorso rund 13 Minuten Sendezeit. Hier wird offensichtlich ein Staatsoberhaupt mit allen Ehren empfangen – grundsätzlich etwas Normales unter Nachbarstaaten, wenn man ausser acht lässt, dass Xi Jinping seit bald sieben Jahren im Amt ist und es sich um seinen ersten Staatsbesuch in Nordkorea handelt (und der letzte Besuch eines chinesischen Staatsoberhaupts auch schon 14 Jahre zurückliegt). Warum also gerade jetzt? Und wieso erinnern die Bilder in gespenstischer Weise an diejenigen vom Anschluss Österreichs 1938?

 

Gespräche über die schöne Zukunft (美好未来)

Bei einem Staatsbesuch geht es primär darum, dass fruchtbringende Gespräche geführt werden, oder? Nun, Gespräche über die schöne Zukunft (美好未来) fanden statt, und das Fernsehen berichtete auch fast ganze sieben Minuten darüber. Die gute Nachricht, summa summarum: beide Parteien sind sich über alles einig (双方一直同意). Doch bei einem Kameraschwenker erkennt man leider, dass alles nur Show ist – wie auf einem Filmset werden die Akteure von Dutzenden von Fotografen begleitet.

Grosse Show

Nun, wennschon Show, dann richtig, muss sich Kim Jong-un gesagt haben:

Oder war es eben doch nicht nur Show?

Dass Präsident Xi Jinping den Obersten Führer ausgerechnet jetzt mit einem Staatsoberhaupt beehrt, ist mit absoluter Sicherheit kein Zufall. Nicht nur steht eine neue Verhandlungsrunde mit US President Trump, anlässlich des G20-Gipfels in Osaka an, Trump seinerseits will nach dem Gipfel Südkorea besuchen.

Doch es handelt sich beileibe nicht um ein blosses „quid pro quo“. Neben den seltenen Erden ist Nordkorea (bzw. die Kontrolle Chinas über Nordkorea) einer der grössten Trümpfe von Xi Jinping. Bereits bei einem früheren Treffen hat er dem amerikanischen Präsidenten weiszumachen versucht, dass Korea historisch gesehen ein Teil von China gewesen sei (eine Auffassung, die selbstredend von den Koreanern nicht unbedingt geteilt wird). Nun folgt der demonstrative Schulterschluss. Oder ist es gar die «Wiedereingliederung» Nordkoreas als Tributstaat Chinas, in Anknüpfung an frühere Zeiten?

Für Nord- und Südkorea verheisst dies wenig Gutes. Nicht nur droht sich der seit bald 70 Jahren anhaltende Koreakrieg zu verschärfen (man bedenke, dass seit 1953 lediglich ein Waffenstillstand herrscht), auch für die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel dürfte der Schulterschluss zwischen China und Nordkorea wenig förderlich sein. Denn: Was hat Kim Jong-un schon zu befürchten, wenn er weiss, dass er von Xi Jinping in Schutz genommen wird? Und schlimmer: Droht Korea zum dritten Mal in Folge zum Schauplatz eines Kampfes zwischen fremden Mächten zu werden – nach dem Ersten Sino-Japanischen Krieg von 1894 bis 1895 und dem Koreakrieg ab 1950, der primär ein Krieg zwischen den USA und China war?

Buchbesprechung: China’s Coming War With Asia von Jonathan Holslag

HolslagJonathan Holslag, Research Fellow (was auf dem Buchcover grosszügig als «Professor» übersetzt wird) an der Freien Universität Brüssel, wagt mit seinem Buchtitel «China’s Coming War With Asia» (Polity Press, Cambridge 2015) eine kühne Aussage. Sie hat insofern ihre Wirkung nicht verfehlt, als sie mich in einer Buchhandlung in Seoul dazu brachte, auch dieses Buch noch zu kaufen, entgegen meinen guten Vorsätzen, meine Reisekoffer für andere schöne Dinge freizuhalten. Ich hätte es besser wissen müssen: der Titel hält natürlich nicht, was er verspricht.

Jonathan Holslag gibt einen Überblick über die politische Entwicklung Chinas seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949. Er hält dafür dass die Kommunistische Partei Chinas vier grosse Ambitionen verfolge (S. 2 bis 6, 167): Weiterlesen

铁饭碗 – Eiserne Reisschale

«Man muß in jeder Armee-Einheit eine Bewegung zur Unterstützung der Funktionäre und Sorge für die Soldaten durchführen, das heißt die Funktionäre aufrufen, sich fürsorglich um die Soldaten zu kümmern, und zugleich an die Soldaten appellieren, die Funktionäre zu unterstützen.»
Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung

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Die «Eiserne Reisschale» steht für einen Arbeitsplatz, der unkündbar ist und ein stetes Einkommen, das nicht von der Arbeitsleistung abhängig ist und Sozialleistungen mit sich bringt. In der Frühphase der Volksrepublik China war ein derartiger Arbeitsplatz äußerst erstrebenswert und ihre Schaffung ein wichtiges politisches Ziel. Weiterlesen

Direttissima zur Dissertation #2: Motiviert?

Studienabsolventen, die eine Promotion anstreben, gibt es viele, doch geschätzte zwei Drittel davon brechen ihr Doktorat früher oder später ab. Selbst die Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter (a.k.a. Assistent) an einer Universität oder gar ein Stipendium bewahren nicht vor diesem Schicksal. Es lohnt sich deshalb, sich erst einmal Gedanken über seine Motive zu machen, bevor man ein Promotionsvorhaben in Angriff nimmt, für das dann die Motivation für mehrere Monate – oder Jahre – ausreichen muss. Weiterlesen

Neue Blogserie: „Direttissima zur Dissertation“

Am 1. November startet der Fajus Verlag eine neue Blogserie mit dem Titel „Direttissima zur Dissertation“. Ziel ist, unseren Autoren, die dereinst in unserer „Goldenen Reihe“ ihre Abschlussarbeit veröffentlichen, Hilfen zu bieten. Die Ausführungen beziehen sich aufgrund unserer Spezialisierung in erster Line auf juristische Dissertationen im deutschsprachigen Raum und mit Bezug auf China und Ostasien. Sie soll aber auch Lesern nützen, die in anderen Fachbereichen promovieren wollen.

Die Autorin, Maja Blumer, hat selber an der Universität Bern zum Thema „Bilanzkosmetik und Schadenersatz“ promoviert und anschliessend zahlreiche Fachbücher und Beiträge in juristischen Zeitschriften und Sammelbänden publiziert. Im Rahmen ihrer akademischen Tätigkeit hat sie zudem zahlreiche Abschlussarbeiten begleitet.