Hainan Airlines im Einkaufsfieber

von Maja Blumer

Übernahmen von westlichen Unternehmen durch chinesische Firmen sind in den letzten zwei Jahren geradezu explodiert. Während der Bloomberg China Deal Watch 2007 erst Übernahmen von 22,6 Mia. $ auswies und das Transaktionsvolumen trotz der Finanzkrise in den Jahren bis 2013 nur mässig anstieg, schnellten die Zahlen in die Höhe: 2015 wurde die Schwelle von 100 Mia. $ überschritten, das Jahr 2016 ist noch nicht fertig und wir stehen schon bei rund 220 Mia. $.

An vorderster Front beteiligt sich das Luftfahrt- und Touristikunternehmen Hainan Airlines Group (HNA) an der Jagd nach westlichen Unternehmen. Allein im Oktober 2016 hat HNA zwei Milliardendeals angekündigt: Neben der Übernahme eines Anteils an der Hilton Gruppe will sich HNA auch im Flugzeugleasinggeschäft an der Spitze positionieren, indem sie diese Sparte von CIT Group Inc. übernimmt. HNA lässt sich diese beiden Übernahmen 16,5 Mia. US$ kosten. Doch das ist längst nicht alles: Seit Mitte 2015 hat HNA schon mindestens 16 Übernahmen angekündigt (solche in Mainland China nicht eingerechnet), mit einem Gesamtbetrag von über 33’798’500’000 US$:

  • Red Lion Hotel 15%-Anteil (Juni 2015): 21,5 Mio. $US$:
  • Swissport (Juli 2015): 2,8 Mia. $
  • 30 South Collonade London (September 2015): 189 Mio. $
  • Avolon (September 2015): 2,5 Mia.
  • Azul Linhas Aeréas Brasileiras 24%-Anteil (November 2015): 450 Mio. $
  • Ingram Micro (Februar 2016): 6 Mia. $
  • Gategroup (April 2016) 1,5 Mia. $
  • Tysan (April 2016): 337 Mio.
  • Carlson Hotels 51%-Anteil (April 2016): ca. 2 Mia. $
  • Servair 50%-Anteil (Mai 2016): ca. 250 Mio. $
  • Virgin Australia 13%-Anteil (Mai 2016): 114 Mio. $
  • SR Technics 80%-Anteil (Juli 2016): ? $
  • Hilton 25%-Anteil (Oktober 2016): 6,5 Mia. $
  • CIT Group Inc. Airline Leasing Business (Oktober 2016): 10 Mia. $
  • Oki Golf 10 Golfplätze bei Seattle (Oktober 2016): 137 Mio. $
  • CWT Ltd. (Mai 2016 – verschoben/ungewiss): ca. 1 Mia.

Geld ist kein Problem – HNA zahlt für seine 39 Mia. $ Schulden, die mit dem Bond vom letzten August aufgenommen wurden, lediglich 37 Mio. $ (0,1%) Zins. Auf ein paar Milliarden $ mehr oder weniger Schulden kommt es da auch nicht so sehr an.

Bedenklich ist eher, dass HNA in seinem Kerngeschäft, in der der Luftfahrt, stark ausgebaut hat, während sich die Fluggesellschaften in Asien einen Verdrängungskampf liefern, der die Erträge drastisch zusammenschrumpfen lässt.

Das Wirtschaften auf Pump birgt überdies die Gefahr, dass man sich dazu verleiten lässt, Firmen zu teuer zu übernehmen. Im notorisch heiklen Flugzeugleasing-Geschäft werden Firmen beispielsweise meist unter ihrem Buchwert gehandelt. HNA zahlt aber für das Leasinggeschäft der CIT Group das 1,2-fache des Buchwerts, und auch bei Avolon hatte sich HNA einen teuren Bieterkampf geliefert.

Fraglich ist überdies, wie die Integration von heterogenen Firmen aus allen Weltgegenden (Australien, USA, Brasilien, UK, Frankreich, Singapore, Schweiz) funktionieren soll. In einigen Fällen hat HNA zwar beteuert, dass nicht in die Unternehmensführung eingegriffen werden soll.

Bei der Gategroup aber wurde der Verwaltungsrat am 29. Juli 2016 schon ausgewechselt, bevor der Deal überhaupt in trockenen Tüchern war – es war eine Bedingung für das Zustandekommen des Kaufangebots. Einzig Frederick Reid wurde wiedergewählt. Zudem wurde der CEO Xavier Rossinyol auch in den Verwaltungsrat gewählt. Das Sagen hat jedoch die Führungsriege von HNA, Adam Tan, Xin Di und Frank Nang sowie Stewart Gordon Smith, Chairman von Bravia Capital, einer Investmentgesellschaft, die mit Hainan Airlines schon länger eng verbandelt ist.

Interessant ist allerdings, dass die Wahl sich bis dato weder im Handelsregister noch auf der Website der Gategroup niedergeschlagen hat. Man fragt sich: Wie können die (gewählten und die sich noch im Amt befindlichen) Verwaltungsräte unter diesen Bedingungen ihre Aufgaben wahrnehmen? Und kann eine Gesellschaft, die das Know-how von mehreren langjährigen Verwaltungsräten mit internationaler Erfahrung auf einen Schlag verliert, erfolgreich operieren? Und vergibt sich eine in der Schweiz verwurzelte Gesellschaft nicht etwas, wenn sie keinen einzigen Schweizer Verwaltungsrat hat (nicht zu reden von der vierköpfigen Geschäftsleitung, in der auch nur ein Schweizer sitzt)? Ganz abgesehen davon, dass nicht eine einzige Frau in den Führungsgremien verzeichnet ist, obgleich längst bekannt ist, dass ein höherer Frauenteil sich positiv auf die Performance niederschlägt.

Unter den gegebenen Umständen ist es erstaunlich, dass den auf einstige Perlen der Schweizer Wirtschaft (wie SR Technics, Gategroup und Swissport) gerichteten Übernahmegelüsten weder von der Presse noch von der Politik Skepsis geschweige denn Widerstand entgegenschlägt. Bleibt zu hoffen, dass diesen Firmen und der Schweiz ein weiteres Grounding erspart bleibt.

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