Buchbesprechung: China’s Coming War With Asia von Jonathan Holslag

HolslagJonathan Holslag, Research Fellow (was auf dem Buchcover grosszügig als «Professor» übersetzt wird) an der Freien Universität Brüssel, wagt mit seinem Buchtitel «China’s Coming War With Asia» (Polity Press, Cambridge 2015) eine kühne Aussage. Sie hat insofern ihre Wirkung nicht verfehlt, als sie mich in einer Buchhandlung in Seoul dazu brachte, auch dieses Buch noch zu kaufen, entgegen meinen guten Vorsätzen, meine Reisekoffer für andere schöne Dinge freizuhalten. Ich hätte es besser wissen müssen: der Titel hält natürlich nicht, was er verspricht.

Jonathan Holslag gibt einen Überblick über die politische Entwicklung Chinas seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949. Er hält dafür dass die Kommunistische Partei Chinas vier grosse Ambitionen verfolge (S. 2 bis 6, 167): Erstens, die Grenzregionen, insbesondere Tibet und Xinjiang unter Kontrolle zu behalten, zweitens die Parteimacht durch wirtschaftlichen Wohlstand zu bewahren, internationale Anerkennung zu erlangen und «verlorene» Gebiete wie das Süd- und Ostchinesische Meer, Taiwan etc. ins «Mutterland» zurückzuführen. Der Autor sieht Krieg als unvermeidliches Resultat dieser Ambitionen, was besonders in seinem Schlusssatz zum Ausdruck kommt (S. 173): «…but that ist just the essence of great power tragedies: we know how the story ends, we do not like it, but are seldom able to change it. Or worse: we think we can try to change it, whereas in fact we cannot, and blame others for failing to reciprocate.»

Der Autor spricht zahlreiche Entwicklungen an, die tatsächlich bedenklich stimmen. Etwa der Umstand, dass die Volksrepublik zu einem der grössten Kreditoren der Welt geworden ist, die Exporte vieler asiatischer Länder wesentlich von China abhängen, die sehr selektive Einbindung des Reichs der Mitte in multilaterale Organisationen oder die Gefahr des Platzens der Infrastruktur- und Immobilienblase, in welche die hart erarbeiteten Ersparnisse der chinesischen Bevölkerung verloren zu gehen drohen.

Defizit des Buches ist, dass Jonathan Holslag seine eigenen, oftmals widersprüchlichen Aussagen kaum analysiert. Der Autor stellt ganz wesentlich auf die kaum hinterfragten Aussagen seiner chinesischen Gesprächspartner und (selbstverständlich stets zensurierte) chinesische Artikel ab. Er kann denn auch nicht auf eigene Erfahrungen in und mit China zurückgreifen, die ihn hinter die schöne Fassade der chinesischen Slogans blicken liesse.

Man wird zudem den Eindruck nicht los, dass Jonathan Holslag  seine chinesischen Gesprächspartner günstig stimmen will, etwa wenn er schon im Vorwort (S. vi f.) schreibt: «…I learned to appreciate most of today’s officials as open-minded, inquisitive, hardworking and very dedicated to the wellbeing of their country…» Alles was auf chinesischer Seite zu Verstimmung führen könnte, blendet er aus, seien es die fragwürdigen Gebietsansprüche oder nationalistische Tendenzen innerhalb Chinas. Lieber geisselt er den sinophobe Tendenzen in Nachbarstaaten (S. 162, 171). Er zeichnet das Bild eines starken und selbstsicheren Chinas, durch das sich schwache, verunsicherte Nachbarstaaten bedroht fühlen (S. 172), obgleich sich die gegenteilige Auffassung ebenso gut begründen liesse.

Nicht geschadet hätte dem Buch ein gründliches Lektorat, nicht nur dort, wo der Autor schreibt, Mao hätte eine millionenstarke amerikanische Truppe in den Koreakrieg entsandt (S. 28).

Alles in allem weist das Buch nicht die Qualität auf, die man sich bei einem so brisanten Thema wünschen würde, kritisch gelesen bietet es jedoch gleichwohl die eine oder andere Anregung für Leser, die die aktuelle politische Entwicklung in Ostasien verfolgen.

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