铁饭碗 – Eiserne Reisschale

«Man muß in jeder Armee-Einheit eine Bewegung zur Unterstützung der Funktionäre und Sorge für die Soldaten durchführen, das heißt die Funktionäre aufrufen, sich fürsorglich um die Soldaten zu kümmern, und zugleich an die Soldaten appellieren, die Funktionäre zu unterstützen.»
Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung

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Die «Eiserne Reisschale» steht für einen Arbeitsplatz, der unkündbar ist und ein stetes Einkommen, das nicht von der Arbeitsleistung abhängig ist und Sozialleistungen mit sich bringt. In der Frühphase der Volksrepublik China war ein derartiger Arbeitsplatz äußerst erstrebenswert und ihre Schaffung ein wichtiges politisches Ziel.

Diese Sicherheit hatte auch ihre Kehrseiten. Die Arbeiterschaft der Staatsunternehmen und Behörden zu Einheiten zusammengefasst wurden sie «danwei» (单位) genannt, war unter der Kontrolle der Kader. Sie entschieden über die Verteilung von Wohnraum, Lebensmittel und Kleidung. Außerdem waren sie für die Ausstellung von Reise- und Heiratsgenehmigungen zuständig, sie erlaubten Schwangerschaften und Adoptionen und entschieden, wer in die Armee, die Partei oder eine Universität aufgenommen wurde.

Der heutige Kunstbezirk 798 in Peking beherbergte einst ein großes «danwei», in welchem, von über 20’000 Arbeitern, Waffen hergestellt wurden.

Geschichte und Gegenwart

Zur Erreichung des Zieles, möglichst viele «Eiserne Reisschalen» zu schaffen, wurden in den 1950er Jahren Volkskommunen errichtet und öffentliche Küchen eingerichtet. Außerdem wurden in ländlichen Gebieten Getreidelieferungen garantiert. Diese Maßnahmen wurden durch ein Lohnsystem ergänzt. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Unkündbarkeit dieser Arbeitsstellen, die darüber hinaus mit Sozialleistungen verbunden waren.

Die chinesischen Staatsbetriebe wurden so strukturiert und später subventioniert, dass sie eben diese Aufgabe möglichst gut erfüllen konnten. Als Deng Xiaoping China wirtschaftlich öffnete und reformierte, wurden als Erstes viele dieser privilegierten Arbeitsstellen gestrichen. Nichts desto trotz katapultierten diese Reformen China nach vorne und schafften einen wirtschaftlichen Fortschritt der seines gleichen sucht. Eine populäre Weise drückt es so aus: «Vor der Revolution hatten wir eine Reisschale aus Ton, der große Vorsitzende Mao gab uns eine Reisschüssel aus Eisen und Deng stieß ein Loch hinein; seit den Reformen haben wir eine Reisschale aus Porzellan.» So schön und elegant eine Schale aus Porzellan auch sein mag, so bruchsicher wie eine Schale aus Eisen ist sie nicht.

In einem marktwirtschaftlich orientierten System, ist es zunehmend schwierig, jene Jobs zu erhalten, deren eigene Produktivität nicht im Vordergrund steht und die subventioniert werden müssen. Auch steht die «Eiserne Reisschale» in einem Konkurrenzkampf um diese Subventionsmittel mit anderen Investitionen, derer die Betriebe dringend bedürfen, denn viele der Staatsbetriebe müssten dringend modernisiert werden. Hierbei zu nennen ist ein weitreichendes Spektrum an notwendigen Erneuerungen, das von ganzen Produktionsstraßen über Umweltschutz- und Arbeitnehmerschutzmaßnahmen bis hin zur Bereinigung von Altlasten durch Instandsetzungsarbeiten oder auch der Renaturalisierung von Betriebsgeländen reicht.

China sieht sich mehr und mehr mit der Tatsache konfrontiert, die «Eiserne Reisschale» zertrümmern zu müssen und den Staatsbetrieben, die ohnehin schon ins Wanken geraten sind, den Geldhahn zuzudrehen. Die chinesische Regierung sucht nach Käufern für Staatsbetriebe, welche oft die finanziellen Belastungen nicht nur durch die «Eiserne Reisschale», sondern auch durch unterlassene Investitionen oder Umweltprobleme mit sich schleppen und meist nicht mehr selbst tragen können. Käufer sind jedoch, aus eben diesen Gründen, schwer zu finden und die Subventionen werden zusehends niedriger.

Die chinesische Regierung stellt die neu auf den Arbeitsmarkt strömenden Jahrgänge zusehends auf einen marktwirtschaftlich orientierten Arbeitsmarkt ein. So gibt es immer mehr Grassroots Anwerbeverfahren, seit 2008 ein modernes Arbeitsvertragsgesetz, welches bereits öfters novelliert wurde, und auch flexiblere Entlohnungsmethoden, zum Beispiel leistungsabhängige Provisionen. Andererseits gibt es auch immer noch viele legistische Beispiele, die noch auf die Geisteshaltung der „Eisernen Reisschale“ zurückzuführen sind. Eine dieser Regelungen betrifft die zur Ausübung einer Sachwalterschaft befugten Personen. Hierfür gibt es eine einzuhaltende Liste, auf der auch das Unternehmen, in dem die zu besachwaltende Person beschäftigt ist, zu finden ist.

Die chinesische Regierung sieht sich hier eines Problems mit zwei Fronten gegenüber: Einerseits sind ca. 15 Millionen Arbeitsplätze gefährdet, sollten alle Jobs der «Eisernen Reisschale» wegfallen, und andererseits erzeugt die schiere Anzahl der jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt strömenden jungen Menschen einen hohen Druck. Um diese Menschen im Arbeitsmarkt unterbringen beziehungsweise halten zu können, ist ein Wirtschaftswachstum von – in Europa unvorstellbaren – acht Prozent notwendig.

Diesen Prozentsatz verarbeiteten die Expats Mark Griffith und Andrew und Nicola Doughtery in «Beijing State of Mind». Der Rap Song ist dem Leben eines Ausländers in Peking gewidmeten und mit der Musik von Jay-z’s «Empire State of Mind» gemacht. Eine der letzten Zeilen lautet: «So we all work late to ‹protect the Eight› in… In Beijing,[…]». Das Ziel aller ist also das Wirtschaftswachstum auf dem gewünschten Niveau zu halten.

Das Ende und die Wende

Das baldige Ende der «Eisernen Reisschale» wurde schon oft prophezeit. Zum ersten Mal wurde nach der Öffnung Chinas durch Deng Xiaoping die Zeit der «Eisernen Reisschale» als beendet erklärt. In weiterer Folge kam es immer wieder zu neuen Prophezeiungen gleichen Inhalts: Im Zuge der Asienkrise Ende der 1990er Jahre und mit dem Beitritt Chinas zur WTO. Es gibt die «Eiserne Reisschale» jedoch immer noch und ist gleichsam beliebt.

Von den wirtschaftlichen Veränderungen weitgehend unbeeinflusst blieben die «Eisernen Reisschalen» im öffentlichen Sektor. Im Jahr 2013 wurde in Nanjing eine Angestelltenstelle an einem Gericht ausgeschrieben. Es wurden viele Interessenten erwartet, jedoch erregten die Bewerbungen den Verdacht der Nanjinger Beamten. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sich Schauspielerinnen und Pinups wie Zhang Ziyi oder Fan Bingbing würden bewerben. Man nahm sich der Sache an und fand bald heraus, dass ein Bewerber, Herr Wang, mehr als hundert Bewerbungen abschickte – über 50% der Bewerbungen. Er wollte seine Chancen steigern, indem er andere Kandidaten durch die Anzahl der bereits eingelangten Bewerbungen abschreckte und seine eigene Bewerbung herausstach. Der Plan ging fast auf. Der Bewerber wurde zum Gespräch geladen, allerdings fanden die Behörden schnell genug heraus, dass er hinter den gefälschten Bewerbungen stand und er wurde für fünf Jahre von öffentlichen Bewerbungsprozessen ausgeschlossen.

Hier lässt sich eine Trendwende ablesen. Es scheint, dass Beamtenstellen für junge, gut ausgebildete Menschen wieder an Attraktivität gewinnen. Über die letzten Jahre hinweg galten diese Stellen als Sackgassen der Karriereplanung. Heute tauscht man Mobilität, Karriere und Einkommen, gegen die Sicherheit des Jobs.

Dieses Bild zeichnen auch die Beamtenprüfungen, die zum Einstieg in den öffentlichen Dienst nötig sind. Die Anzahl der Prüflinge stieg 2013 um fast 15% und auch mehr und mehr Absolventen von Top-Universitäten bewerben sich für Beamtenstellen. Das geregelte, wenn auch geringe Einkommen, die fixen Arbeitszeiten und die Jobsicherheit, sind die Anreize, die junge Menschen wieder nach der «Eisernen Reisschale» suchen lassen.

Die tieferen, externen Ursachen hierfür sind wohl auch im – für chinesische Verhältnisse geringen – Wirtschaftswachstum zu finden: Seit 2013 konnte kein 8%-iges Wirtschaftswachstum erreicht werden und 2015 wurde erstmals nicht einmal die 7% Marke geknackt. Premier Li Keqiang warnte bereits davor, dass das Jahr 2016 noch schwieriger werden würde. Von dieser Entwicklung ist auch die «Eiserne Reisschale» in den Staatsbetrieben betroffen. Aufgrund der schwachen Nachfrage gibt es enorme Überkapazitäten. Die Auslastungen lägen bei unter 68% in den Bereichen Stahl, Kohle, Aluminium, Zement und Industrieglas. Es wird nun davon ausgegangen, dass bis 2020 30% der Kapazitäten abgebaut werden müssen und damit in den nächsten zwei Jahren drei Millionen Arbeitsplätze gefährdet wären. Staatsbetriebe sind von dieser Entwicklung besonders betroffen, wenn Subventionen ausbleiben.

Die chinesische Autoindustrie hat auch mit Überkapazitäten zu kämpfen, allerdings sind hier die Probleme tiefergehend. Die Strukturen der Autoindustrie entsprechen jenen der US-amerikanischen zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Wie in den USA damals, gibt es heute in China eine Unzahl an Autoproduzenten. Heute gibt es lediglich noch drei Produzenten in den USA. Es sind also auch hier Arbeitsplätze gefährdet, sobald sich dieser Industriezweig konsolidiert.

Die allgemeine Entwicklung nahm der bereits erwähnte Kunstbezirk 798 in Peking vorweg. Dort wurden bereits vor Jahren die Fabriken stillgelegt und es etablierte sich eine junge, serviceorientierte Kreativindustrie. Gerade im Servicesektor sieht man in China in den nächsten Jahren große Wachstumschancen.

Die Zukunft

Der Blick in die Zukunft ist immer ein Blick ins Trübe. Meines Erachtens werden die Verwerfungen im chinesischen Arbeitsmarkt zwar kommen, jedoch nicht so schnell, als dass sie nicht aufgefangen werden können. Es stellen sich allerdings neue Aufgaben für die chinesische Regierung und der chinesische Arbeitsmarkt wird härter umkämpft sein.

Um die Stabilität und Harmonie der chinesischen Gesellschaft zu wahren, ist es nötig ,ein Sozialsystem aufzubauen, das den Menschen auch in unsicheren Zeiten Sicherheit geben kann. Man könnte es, um im chinesischen Kontext zu bleiben, als „Eiserne Reisschale“ ohne Tagesbeschäftigung bezeichnen.

Bereits im Oktober 2006 während der sechsten Versammlung des 16. Zentralkomitees der CPC wurde der Plan beschlossen, bis 2020 ein Sozialversicherungssystem aufzubauen, das sowohl urbane als auch ländliche Gebiete umfasst. Eine Implementierung des Plans ist in Anbetracht des zurückgehenden Wirtschaftswachstums notwendiger als noch vor 10 Jahren.

 

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