Strafbare Arroganz: Die Nuss-Affäre in Korea zieht weitere Kreise

Macadamia NutsEin halbes Dutzend Entschuldigungsschreiben soll Cho Hyun-ah (Heather Cho) dem Gericht geschickt haben, doch es nützte nicht viel: sie muss für ein Jahr ins Gefängnis, offiziell wegen Gefährdung der Flugsicherheit und anderer Delikte, im Grunde genommen wegen sträflicher Arroganz kumuliert mit sträflicher Dummheit. Was war passiert?

Das, was später als Nuss-Affäre bezeichnet wurde, begann am Flughafen JFK in New York. Am 5. Dezember 2014 machte die Flugbegleiterin Kim Do-hee vor Abflug der Maschine von Korean Air den Fehler, Heather Cho wie allen anderen Erstklasspassagieren eine Tüte Macademia-Nüsse zu reichen. Heather Cho fand, das sei nicht standesgemäss. Die Nüsse müssten ihr in einer Porzellanschale serviert werden. Darüber, wie das praktisch funktionieren sollte, hat sie sich offensichtlich keine Gedanken gemacht (man stelle sich das Debakel vor, wenn die Schälchen quer durch die Kabine fliegen, während die Maschine abhebt…). Eindeutig ein Fall von mehr Einbildung als Ausbildung, also.

Wenn Heather Cho (mehr oder weniger) höflich nach einem Schälchen gefragt hätte, hätte sie es wohl auch erhalten, und das Problem hätte in Minne gelöst werden können. Unglücklicherweise war Heather Cho nicht nur unhöflich, sondern ihres Zeichens auch Vizepräsidentin von Korean Air. Den Posten hatte sie selbstverständlich nicht ihren fachlichen Kompetenzen zu verdanken, sondern vielmehr dem Umstand, dass sie die Tocher des Patriarchen des Chaebols Hanjin ist, zu dem Korean Air gehört. Chaebols sind eine typisch koreanische Institution – riesige Unternehmen in Familienhand, bei der die höchsten Führungsposition in der Regel innerhalb der Familie vererbt werden. Chaebols verfügen in Korea über ungeheuerliche Macht. Die zehn größten Chaebols (dazu zählen neben Hanjin auch bekannte Namen wie Samsung, Hyundai oder LG) sollen drei Viertel der südkoreanischen Wirtschaft kontrollieren.

In ihrer Arroganz beschränkte sich Heather Cho nicht darauf, die Flugbegleiterin Kim Do-hee anzubrüllen, sondern zitierte auch noch den Chefsteward Park Chang-jin. Die beiden mussten nicht nur eine Gardinenpredigt über sich ergehen lassen und sich entschuldigen, sondern auch niederknien (eine grosse Erniedrigung in der koreanischen Kultur). Zudem sollen sie von Heather Cho sogar geschlagen worden sein. Der Erniedrigung nicht genug, Heather Cho feuerte den Chefsteward Park Chang-jin auf der Stelle und liess die Maschine, welche bereits unterwegs zur Startbahn war, zum Gate zurückkehren, um ihn auszuladen.

Als der Vorfall aufflog, war die Entrüstung der koreanischen Bevölkerung naturgemäss gross. Im Krisenmanagement versagte der Hanjin-Konzern völlig. Heather Cho erklärte zwar gezwungenermassen den Rücktritt von ihren Ämtern (oder einigen davon), liess aber jegliche Einsicht in ihr Fehlverhalten vermissen. Derweil versuchte die Airline, Druck auf Kim Do-hee und Park Chang-jin auszuüben, um die Sache zu vertuschen, was Heather Cho auch noch zusätzliche Anklagepunkte einbrachte. Bis zum Schluss stritt sie die Vorwürfe ab (ziemlich blödsinnig, wenn man bedenkt, dass noch andere Passagiere an Bord waren, welche die Szene miterlebt haben) und hielt es auch nicht für nötig, sich bei Park und Kim zu ernstlich zu entschuldigen. Immerhin tat das ihr Vater anlässlich der Gerichtsverhandlung am 2. Februar an ihrer Stelle und versicherte, Park müsste mit keinen Repressalien rechnen. Und vielleicht kommt Heather Cho, die allerdings Berufung gegen das Urteil eingelegt hat, im Gefängnis dazu, sich Gedanken zu ihrem Fehlverhalten zu machen.

Mit der Verurteilung von Heather Cho hat die Sache allerdings noch kein Bewenden. Während Park Chang-jin kurz vor dem Prozess wieder an seine Stelle zurückkehren konnte, hat die Flugbegleitering Kim Do-hee in New York eine Zivilklage gegen Korean Air und Heather Cho eingereicht, um Strafschadenersatz wegen der erlittenen psychischen Erniedrigung zu verlangen (das koreanische Recht kennt keinen Strafschadenersatz). Die Zuständigkeit der Gerichte in New York dürfte allerdings fraglich sein…

Wichtiger dürfte jedoch sein, dass der koreanische Gesetzgeber sich gezwungen ist, die Chaebols in das Korsett des Rechtsstaates zu zwängen und der Selbstherrlichkeit (갑질 gabjil) der Chaebol-Erben  ein Ende zu setzen. So sieht etwa ein Gesetzesvorschlag vor, dass Chaebol-Angehörige während fünf Jahren nach einer Verurteilung nicht in einer Firma der Gruppe „arbeiten“ dürften.

Mit Spannung darf man überdies erwarten, wie dieser Vorfall in koreanischen TV-Dramen verarbeitet wird…

2 Gedanken zu „Strafbare Arroganz: Die Nuss-Affäre in Korea zieht weitere Kreise

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