Ein Fettnäpfchen das keines war: Britische Ministerin schenkt taiwanesischem Stadtpräsidenten eine Uhr

von Maja Blumer

In der britischen Presse wurde gross aufgebauscht, dass die Britische Transportministerin Lady Kramer dem Bürgermeister von Taipei, Ko Wenjie, eine Uhr geschenkt hat.

TAIWAN OUT AFP PHOTOSTR/AFP/Getty Images

TAIWAN OUT AFP PHOTOSTR/AFP/Getty Images

Weil Ko mit einem seiner für ihn typischen saloppen Sprüche auf das Geschenk reagiert hatte, glaubte die britische Presse, Lady Kramer sei in ein Fettnäpfchen getreten. Eine Uhr zu schenken sei in China Tabu, meint die britische Presse zu wissen. Das mag für die Volksrepublik China stimmen, und dort auch nur insoweit als es sich um eine Uhr von der Sorte handelt, die an der Wand aufgehängt oder auf einem Tisch aufgestellt wird. Dies, weil „eine Wanduhr schenken“ (送钟 sòngzhōng) genau gleich klingt wie „an einer Beerdigung teilnehmen“ (送终 sòngzhōng). Armbanduhren (手表shǒubiǎo) werden dagegen auch in Festlandchina mit grösstem Vergnügen entgegengenommen (nicht zuletzt von korrupten Beamten, jedenfalls bis zur neuesten Antikorruptionskampagne). Da Lady Kramer dem Bürgermeister von Taipei eine Taschenuhr geschenkt hat, hätte sie auch nach festlandchinesischer Tradition keinen Fauxpas begangen.

Lord Macartney beim chinesischen Kaiser, im Vordergrund deutlich zu sehen eine Tischuhr, die er als Geschenkt mitbrachte

Lord Macartney beim chinesischen Kaiser, im Vordergrund deutlich zu sehen eine Tischuhr, die er als Geschenkt mitbrachte

Ganz im Gegenteil scheint Lady Kramer im Geschichtsunterricht gut aufgepasst zu haben, jedenfalls folgte sie einer guten alten britischen Tradition. Bereits Lord Macartney beschenkte Kaiser Qianlong anlässlich seiner China-Mission 1793 unter anderem mit einer Tischuhr. Der chinesische Kaiser nahm dieses Geschenk sehr gnädig entgegen, seine Edikte erwecken jedenfalls keineswegs den Eindruck, als sei er ungehalten über die Geschenke gewesen, obgleich er natürlich überzeugt war, dass das, was sein Reich hervorgebracht hatte, den britischen Tributen weit überlegen war – Lord Macartney war übrigens gleicher Meinung.

Noch weit vor Lord Macartney hatte schon Matteo Ricci mit dem Geschenk einer Uhr einen durchschlagenden Erfolg. Kaiser Wanli erlaubte Ricci im Jahr 1601 nicht nur, nach Beijing zu kommen, weil er gehört hatte, dieser würde Uhren als Geschenk mitbringen, er war über die Uhren so begeistert, dass er eigens einen Turm für die eine Uhr errichten liess und vier Beamte des Ministeriums für Astrologie abstellte, um sie in Schwung zu halten (Koetsier/Ceccarelli (eds.), Explorations in the History of Machines and Mechanisms, Springer, Dordrecht 2012, 567).

Doch zurück zu Lady Kramer und Bürgermeister Ko. Die Geschichte um die angebliche Gaffe hat sich schliesslich in Taiwan abgespielt. Gelten hier andere Regeln als in der VR China? Aber sicher! Taiwan hat eine ganz andere kulturelle Prägung erfahren als „Mainland China“. Nur für eine relativ kurze Phase, von 1683 bis 1895, gehörte Taiwan zum Kaiserreich China. Von 1895 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges war Taiwan eine japanische Kolonie. Erst unter der Regierung der Kuomintang erfolgte eine gewisse „Sinoisierung“ der Insel, etwa indem Hochchinesisch zwangsweise eingeführt wurde und viele Festlandchinesen immigrierten. Im Übrigen herrscht allerdings ein tiefer politischer und kultureller Graben zur Volksrepublik China, von der Taiwan über Jahrzehnte hinweg völlig abgeschottet war. Die Folge: kaum ein Taiwaner würde auch nur im Entferntesten auf die Idee kommen, dass es ein Fauxpas sein könnte, eine Uhr zu schenken, zumal in der Landessprache Hokkien (die in Gefühlsdingen für die meisten näher liegt) eine negative Konnotation fehlt. Wanduhren sind überdies ein traditionelles und beliebtes Geschenk beim Bezug einer neuen Wohnung. Auch insofern war das Geschenk von Lady Kramer äusserst passend, hat doch der im vergangenen November neu gewählte Bürgermeister Ko gerade eben erst seine Amtsräume bezogen.

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