25 Jahre Fall der Berliner Mauer – Vorbild für die Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas?

von Maja Blumer

Urheber: Wrightbus / Wikimedia Commons

Ein Stück der Berliner Mauer in Seoul (Urheber: Wrightbus / Wikimedia Commons)

Heute vor 25 Jahren ist die Berliner Mauer gefallen. Das Vorbild der Wiedervereinigung Deutschlands verleitet immer wieder zu Gedankenspielen zu einer Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea, zumal das zeitweilige Verschwinden des nordkoreanischen Staatsführers Kim Jong Un von der politischen Bühne zu Spekulationen über einen Militärputsch führte. Ein Analyst wagt gar die Prognose, bereits 2015 könnte es soweit sein. Eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea: Traum, Albtraum oder Phantasterei?

Traum

Eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas würde auf einen Schlag eine Menge Probleme lösen. An erster Stelle sind die Atomsprengköpfe zu nennen, bei deren Entwicklung Nordkorea bereits weit fortgeschritten sein soll. Das Risiko, dass diese auch zum Einsatz gebracht werden, sei es „nur“ gegen Südkorea, und nicht den Erzfeind USA, ist nicht von der Hand zu weisen. Zudem müssten die westlichen Länder nach einer Wiedervereinigung endlich nicht mehr länger mit der Schande leben, nichts Wirksames gegen das menschenverachtende nordkoreanische Regime unternommen zu haben.

Albtraum

Bei einer Vereinigung Nord- und Südkoreas müsste notwendigerweise versucht werden, die beiden Staaten einander anzugleichen, so wie dies in Deutschland mit beträchtlichen Transferzahlungen, aber auch politischen Massnahmen weitgehend gelungen ist. Im Falle von Nord- und Südkorea wäre dieses Unterfangen mit Blick auf den eklatant unterschiedlichen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklungsstand ein wenig aussichtsreiches Unterfangen, um nicht zu sagen ein Albtraum:

  • Früher war Nordkorea wohlhabender als der Süden, doch mehr als 60 Jahre Kommunismus haben den Norden zu einem Armenhaus gemacht, während Südkorea heute zu den wohlhabendsten und modernsten Länder der Welt gehört. So beträgt das Bruttosozialprodukt pro Kopf in Nordkorea selbst gemessen an der Kaufkraftparität nur etwa ein Zehntel dessen des Südens. Wie diese Differenz mit Transferzahlungen ausgeglichen werden könnte, steht in den Sternen. Auch wenn Nordkorea mit etwa 24 Mio. Einwohnern nur etwa halb so gross ist wie der Süden mit 50 Mio., dürfte das System dadurch überfordert sein.
  • Auch beim „Rohstoff“ Bildung, der für die Überbrückung der wirtschaftlichen Kluft hilfreich sein könnte, hapert es. Südkorea schwingt bei den PISA-Studien regelmässig obenauf. Südkoreanische Kinder drücken die Schulbank im Durchschnitt fast 12 Jahre lang, beinahe doppelt so lange wie ihre nordkoreanischen Altersgenossen. Ganz abgesehen davon dürfte der Unterricht in Nordkorea auch inhaltlich nicht kompatibel mit den Anforderungen einer modernen Welt sein. Das Unterfangen, die nordkoreanischen Schulabgänger dereinst in den hochkompetitiven Arbeitsmarkt Südkoreas zu integrieren, scheint unmöglich – nicht zu reden von den ausgemusterten Mitgliedern der nordkoreanischen Streitkräfte, bei denen etwa ein Fünftel der Bevölkerung beschäftigt sein soll.
  • Auch das politische System scheint völlig inkompatibel. Nordkorea pflegt den Führerkult in dritter Generation, während Südkorea Ende der 1980iger Jahre den Sprung von der Militärdiktatur zur Demokratie geschafft hat.

Die Gesellschaften im rückschrittlichen Nordkorea und im hypermodernen Südkorea trennt zusammenfassend mehr als nur eine Mauer. Die Kluft wird ohne gesellschaftlich und politisch tief verankerten Willen kaum überwindbar sein.

Phantasterei

Gerade am gesellschaftlichen und politischen Willen zur Überwindung der Trennung Nord- und Südkoreas könnte es aber fehlen, was Spekulationen über eine Wiedervereinigung ins Reich der Phantasien relegiert. Neben den vorgenannten Differenzen, die ein solches Projekt zu einem Albtraum machen, stechen vorab zwei weitere Hindernisse ins Auge: erstens der fehlende politische Rückhalt in den Nachbarländern China und Russland und zweitens der fehlende gesellschaftliche Rückhalt in Nord- wie Südkorea.

Zweifellos dürfte keiner der mächtigen Nachbarstaaten Japan, China und Russland erfreut sein über ein 75 Mio. starkes, vereintes Korea, gilt doch die Devise „divide et impera“. Japan würde sich wohl immerhin dem Druck der USA fügen. Knacknuss wären damit Russland und China. Das kleinere Problem dürfte China darstellen. Die Volksrepublik hat dem Kim-Regime zwar bislang konsequent die Stange gehalten, neustens wird jedoch über eine Abkühlung der Beziehungen zu Nordkorea und eine (wirtschaftliche) Annäherung an Südkorea berichtet. Derweil setzt aber Russland ganz auf Nordkorea. Zwar kann ins Feld geführt werden, dass die mächtigen Nachbarn über eine Wiedervereinigung Deutschlands auch nicht begeistert waren, so soll Margareth Thatcher noch am 1. November 1989 zum britischen Botschafter in Bonn gesagt haben, es sei „klar, dass – was auch immer ihre formale Position sei – Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion grundsätzlich gegen die deutsche Wiedervereinigung“ seien, Tatsache ist aber auch, dass diese drei Mächte zusammen mit den USA im „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ schlussendlich die Wiedervereinigung Deutschlands unterstützten. Angesichts der momentanen politischen Situation ist schwer denkbar, dass sich die USA, Russland, China und Japan zusammen mit Nord- und Südkorea auch nur an einen Tisch setzen würden, geschweige denn eine Einigung finden könnten.

Zu bedenken ist weiter, dass die Wiedervereinigung Deutschlands nicht einfach von oben diktiert wurde. So spielten etwa die Montagsdemonstrationen in Ostdeutschland, für welche die Kirchen ein Forum boten, eine bedeutende Rolle. Auch wenn nicht alle glücklich über die Wiedervereinigung und die damit verbundenen Kosten waren, war doch auch in Westdeutschland eine gewisse Begeisterung über das Ende der Trennung vorhanden. Angesichts der scharfen Zensur und Indoktrination in Nordkorea ist es im Moment schwer vorstellbar, wie es dort zu einer demokratischen Bewegung kommen könnte. Spricht man mit – jüngeren – südkoreanischen Bürgern über Nordkorea, erstaunt zudem immer wieder, dass eine Wiedervereinigung der beiden Landesteile bzw. Nordkorea an sich überhaupt kein Thema ist, über das man gerne spricht oder nachdenkt. Das kann zum einen ein Schutzmechanismus sein, andererseits ist 61 Jahre nach dem Abschluss des Waffenstillstandsabkommens zwischen Nord- und Südkorea die Zahl der Menschen, die noch über enge Bindungen zum anderen Landesteil verfügen, zunehmend geringer. Die Berliner Mauer überdauerte dagegen „nur“ 38 Jahre (1961 bis 1989).

Kurzum: ein gemeinsamer Nenner für eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas fehlt bislang und bezüglich des politischen und gesellschaftlichen Rückhalts für Wiedervereinigungspläne bestehen Zweifel. Spekulationen über ein vereintes Korea müssen mindestens derzeit noch in die Kategorie „Phantasterei“ eingeteilt werden.

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