Korruption im kaiserlichen China

Ludwig Hetzel

Die Theorie

Nach konfuzianischer Tradition sollte der Staat auf einer moralischen Ordnung beruhen, der Herrscher als Vorbild fungieren und Beamte diese den Bürgern vermitteln. Ein Beamter sollte also gerecht sein und die moralische Ordnung fördern, womit ein korrupter Beamter jedenfalls negativ angesehen wurde. Konfuzius sah den Legalismus hier als Gefahr für die moralische Ordnung:

Der Meister sprach: »Wenn man durch Erlasse leitet und durch Strafen ordnet, so weicht das Volk aus und hat kein Gewissen. Wenn man durch Kraft des Wesens leitet und durch Sitte ordnet, so hat das Volk Gewissen und erreicht (das Gute).«[1]

Shen Buhai, ein prominenter Vertreter des Legalismus, forderte allerdings objektive Regeln, die die Macht der Beamtenschaft einschränkte. Damit sollten geheime Absprachen und unangemessene Einflussnahme auf den Herrscher hintangehalten werden. Shen Buhai richtet sich also auch gegen korrupte Praktiken.[2]

Die dritte große philosophische Schule Chinas, der Daoismus, war geprägt von einem Relativismus. Dao, der Weg, verbindet alle Dinge. Daoisten vertreten die Ansicht das Unterscheidungen, z.B. zwischen „gut“ und „böse“ oder „nützlich“ und „nutzlos“, relativ und damit unbedeutend sind. Dieser Relativismus scheint, statistischen Erhebungen zu Folge, korruptes Verhalten nicht zu fördern.[3]

Die Praxis

Korruption war bereits im imperialen China ein bekanntes Problem. Während der Herrschaft der Südlichen Song Dynastie (1127-1279) entstand die Sammlung der erleuchteten Urteile (ming gong shu pan qing ming ji). Diese spiegelt die Gedankenwelt der Richter und Juristen im Allgemeinen wieder und verortet das Problem der Korruption bei den einfachen Staatsdienern auf unterster Ebene[4], sowie in der Bevölkerung selbst. Zur Vermeidung von Korruption sollte man einfache Beamte nicht in offiziellen Angelegenheiten in die Dörfer entsenden, weil diese jede Gelegenheit wahrnehmen würden, die Bevölkerung zu drangsalieren.

Ein anderer Text, Einhundert Gerichtsfälle, der über 300 Jahre später, während der späten Ming Dynastie geschrieben wurde, verortete das Korruptionsproblem anderswo, nämlich bei den Richtern und Juristen.[5] Der Ming-Kodex (Da Ming lü) sah für Korruption, das Akzeptieren von Geldern (guanli shoucai), in Art. 367, einen eigenen Straftatbestand vor. Welcher, abhängig von den Umständen der Tat, Strafen bis hin zum Tod durch Strangulation vorsah. Jedoch waren für höher stehende Amtspersonen[6] niedrigere Strafen vorgesehen.[7] Diese Regelung war in wesentlichen Teilen bis zum Ende des dynastischen Chinas 1911 und dem Untergang der Qing Dynastie in Geltung. Während der Herrschaft der Qing veränderte sich sowohl die chinesische Gesellschaft, als auch die Lebensumstände der Beamtenschaft stark.

Die Gesellschaft wurde komplexer und inhomogener, es wurden mehr und mehr Rechtsvertreter in streitigen Verfahren eingesetzt. Diese wendeten zwar hauptsächlich legale Mittel zur Rechtsdurchsetzung an, jedoch wurden damit auch neue Möglichkeiten zur Korruption eröffnet.[8] Der chinesischen Beamtenschaft, vor allem in den unteren Verwaltungsebenen, ging es hingegen schlechter. Wu Guangyao war im ausgehenden 19. Jh. bzw. anfangenden 20. Jh. Beamter des Kreises Xiushan[9]. Er schrieb 1903, dass eine Amtsperson früher genug verdiente, um sich erhalten zu können, jedoch jetzt das vorgesehene Budget nicht für die Anzahl der benötigten Kräfte reichte und viele nur noch einen nominellen Betrag erhalten würden. Diese Umstände verhinderten natürlich, dass sich geeignete Personen aus guter Familie für den Justiz- und Verwaltungsapparat gefunden hätten. Es mussten also Männer niederer Schichten aufgenommen werden, die wiederum von ihrem Einkommen nicht leben konnten und auf ein „Zusatzeinkommen“ aus zwielichtigen Quellen angewiesen waren.[10] Dieser Umstand wurde auch in Witzen wiedergegeben:[11]

Zum Geburtstag des Kreisvorstehers legten die Bürger zusammen und ließen eine Maus aus Gold gießen, denn er wurde in einem Jahr der Maus geboren. Erfreut dankte er für das Geschenk, fügte aber hinzu: „Auch meine Frau hat bald Geburtstag. Ihre Geburt fiel in ein Jahr des Büffels.“

Es bleibt fraglich, ob Korruption im kaiserlichen China tatsächlich weiter verbreitet war als in anderen Staaten. Jedenfalls kann festgehalten werden, dass neuere Forschungen darauf hindeuten, dass Korruption in China weniger weit verbreitet ist, wie in den USA zu Zeiten des gleichen Pro- Kopf- Einkommens.[12]


[1] Konfuzius Gespräche, II.3.

[2] Vgl. Hetzel, Legal History and Philosophy, Fajus Verlag, Stäfa 2013, S. 71.

[3] Vgl. Qing, Perception of Business Bribery in China: the Impact of Moral Philosophy, in: Journal of Business Ethics, 2008, S. 439ff.

[4] Die unterste Verwaltungsebene im imperialen China war das Yamen. Dieses Kreisamt bzw. die Präfektur war zuständig für das lokale Finanzwesen, öffentliche Arbeiten, die Justiz und die Kundmachung kaiserlicher Dekrete.

[5] St. André, Reading Court Cases from the Song to the Ming – Fact and Fiction, Law and Literature, in: Hegel, Carlitz (Hrsg.), Writing and Law in Late Imperial China – Crime, Conflict and Judgemente, University of Washington Press, Seattle 2007, S. 189, 202f.

[6] Amtspersonen, die aufgrund ihrer Amtstätigkeit ein Gehalt beziehen.

[7] Jiang, The Great Ming Code – Da Ming lü, Translated and Introduced by Jiang Yonglin, University of Washington Press, Seattle 2005, S. 202ff.

[8] Vgl. Huang, Civil Justice in China – Representation and Practice in the Qing, Stanford University Press, Stanford 1996, S. 189.

[9] Xiushan liegt ca. 250 km südwestlich von Chongqing.

[10] Huang, Civil Justice, S. 215f.

[11] Vgl. Stumpfeldt, Witze über kaiserliche Kader, in: Deutsch-Chinesische allgemeine Zeitung, 12/2012.

[12] Vgl. Ramirez, C.D., Is corruption in China „out of control“? A comparison with the US in historical perspective., Journal of Comparative Economics (2013), http://dx.doi.org/10.1016/j.jce.2013.07.003

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